Aktueller Bericht aus Kiew und Donezk

Fazit nach 4 Tagen Aufenthalt in Kiev und dem Donbass (Schwerpunkt Donetzk):

 

 

 

Es findet ein knallharter Medienkrieg statt, mit dem ganz evidenten Ziel Putins die ukrainische Gesellschaft zu spalten und sich so den wirtschaftlich wichtigen Teil der Ostukraine zu sichern. Durch gezielte Falschmeldungen werden die russischen Bewohner der Ukraine gegen die Ukraine und ihre ukrainischen Landsleute aufgebracht.

Zellen von bis an die Zähne bewaffneten und inzwischen offen als Militärs aus Russland auftretende 5-10 Mann starke Trupps (akkurat in einheitlichen Uniformen gekleidet, gleiche Schnellfeuerwaffen, in Bewegung und Koordination professionell agierend und offenkundig Elitesoldaten) scharen weitere „Befreiungskämpfer“ – sprich marodierende russischsprachige Ukrainer, schlampig in Tarnfleck gekleidet und dilettantisch bewaffnet (mit Knüppeln, alten Jagdwaffen), oft besoffen und mit selbstgebastelten „Ausweisen“ am Revers um sich, meist etwa so 20-30 Personen also 2-3 mal so viel wie russische Militärs. 140403 Maidan 10Während die Militärs bei Annäherung sofort in Gebäuden verschwinden und nicht zu sprechen sind, kommen die „Befreiungskämpfer“ auf einen zu, sind präpotent geschwätzig, drohen den „Faschisten“, weil diese „russisches Gebiet“ – gemeint ist der Donbass – für „die Nato und den faschistischen Westen“ „besetzen“ wollten, warnen uns besser nicht englisch oder deutsch hier zu sprechen, sonst könnten wir „eins aufs Maul bekommen“. Alle (in der Regel Ukrainer), die sich dagegen positionieren, werden von dem Mob (es ist kaum etwas anderes) massiv bedroht. An einigen wenigen Stellen baut der Mob mit Hilfe der Profis Gummireifensperren und Steinhaufen mit herausgerissenem Straßenpflaster auf. Die Störmaßnahmen wirken eher punktuell und gehen gerade so weit, dass sie unter der Allarmierungsschwelle der Staatengemeinschaft bleiben. Was juckt uns schon, wenn in Slawiansk mal eine Polizeistation oder in Donetzk ein Verwaltungsgebäude von 20-30 Leuten blockiert wird. 140403 Maidan 8

Die Bevölkerung steht dem (nur scheinbar) völlig distant und abwesend gegenüber – die Menschen auf der Straße tun so, als ob das alles nicht stattfindet, gehen mit Kinderwägen, Sonnenschirmen und Eis-schleckend an den Gebäuden vorbei und sind einfach nur verängstigt. Studenten in der Uni in Donetzk sagten uns: was sollen wir denn machen, vielleicht verschwinden die ja irgendwann genau wie sie gekommen sind…

Ukrainisch-Staatliche Gegenwehr wird sogar von prorussischen Verantwortungsträgern (z.B. dem Bürgermeister von Donetzk) als „Aktion des rechten Sektors“ bezeichnet, weil die russischen Medien (!) dieses so berichten. Die russischsprachigen Ukrainer glauben dieses. Es entstehen interethnische Hassgefühle in der Ukraine, von den russisch-sprachigen gegen die „ukrainischen Faschisten“. Unsere Gesprächspartner (Vertreter der deutschen Wirtschaft aus Kramatorsk, Slawiansk und Mariopol, die wir vorgestern dort zum Gespräch getroffen haben) berichten von Tragödien. Gemischte Familien zerbrechen, die Verwandten aus Russland rufen nicht mehr an, Betriebe hängen Listen aus mit Fotos, Namen und Adressen von Kollegen, der „ukrainischen Feinde der Russen“, Ukrainer trauen sich nicht mehr an die Arbeitsstätte aus Angst vor aufgehetzten russischen Arbeitskollegen.

IMG-20140416-WA0002Mein FAZIT nach vier Tagen vor Ort: das Hauptverbrechen Russlands ist diese Spaltung der ukrainischen Gesellschaft durch ganz klare Volksverhetzung. Ziel dieser hinterhältig wie wirksamen Strategie ist letztlich ein „Referendum“, welches die Ostukraine, oder zumindest den Donbass als Wirtschaftsregion und „unabhängige Republik“ an der Seite Russlands festbindet.

Das Hauptproblem auf ukrainischer Seite in der aktuellen Situation: die Abwesenheit des Staates und der Totalausfall des staatlichen Machtmonopols, der Bürgern Schutzgefühl vermitteln müsste. Wenn die öffentliche Ordnung auf den Straßen einem marodierenden Mob in Tarnfleck, mit Gesichtsmaske, Alkoholfahne, Zigarette im Mundwinkel und selbstgebasteltem „Ordnungsausweis“ überlassen wird, der sich dank seiner Begleitung durch Profimilitärs aus Russland ungemein stark fühlt, dann verliert der Staat seine Legitimität dank eigener Untätigkeit.

Alles jedenfalls brandgefährlich und unglaublich tragisch für die Menschen vor Ort.